Über die
Entwicklung musikalischer Fähigkeiten bei Kindern
Maria Luise Schulten
© Marcel Maij, Wil SG, 08.04.1998
THESENBLATT
1. Neue technische Medien haben dazu beigetragen, dass Musik heute nahezu überall gegenwärtig ist; in Kaufhäusern, Warteräumen, Restaurants, in Radio, Fernsehen und Internet. Angesichts der Vielfältigkeit des heutigen musikalischen Umfelds von Kindern drängen sich Fragen auf wie: Welche Musik spricht Kinder besonders an? Wie wirkt sich häufiges Musikhören auf Kinder aus? Wird der musikalische Geschmack frühzeitig festgelegt? Die Fragen können derzeit nicht zufrieden stellend beantwortet werden.
2. Wie nehmen Kinder, im Unterschied zu Jugendlichen und Erwachsenen, Musik wahr und wie gehen sie mit der Vielfältigkeit der Musik um? wie verläuft die Entwicklung musikalischer Fähigkeiten?
3. Gemäss Theorie von Jean Piaget besteht die musikalische Entwicklung der Kinder aus vier Phasen:
1. Phase (0-2 Jahren) Kind erprobt seine Stimme, produziert Lallgesänge, entdeckt neue Töne, wiederholt sie und kombiniert sie mit wieder neuen Tönen.
2. Phase (2-7 Jahren) Kind orientiert sich entweder am melodischen Auf und Ab oder aber am Rhythmus des Textes. Melodie und Rhythmus gleichzeitig zu verarbeiten fällt noch schwer.
3. Phase (7-12 Jahren) Kind beginnt die verschiedenen Aspekte der Musik zu kombinieren (Melodie, Rhythmus, Harmonie) und beginnt damit zu experimentieren. Beginnt Musikstücke zu unterscheiden und als eigenständige Kompositionen zu begreifen.
4. Phase (12-? Jahren) Kind erwirbt die Möglichkeit, der Abstraktion. Es kann nun grössere musikalische Zusammenhänge erfassen und z.B. einzelne Takte herausgreifen, analysieren und wieder in das Musikstück integrieren.
4. Der Anfang der Entwicklung musikalischer Fähigkeiten lässt sich nicht exakt bestimmen. Es gibt allerdings Anhaltspunkte dafür, dass die musikalische Entwicklung bereits vor der Geburt beginnt.
5. Häufig wird gefragt: In welchem Alter beginnt ein Kind am besten mit dem Instrumentalspiel und wie lernt es am besten? Welcher Umgang mit Musik entspricht am ehesten den Bedürfnissen des Kindes? Gibt es Möglichkeiten, die Motivation der Kinder zu wecken und zu fördern? Und: Ist das Kind wirklich musikalisch? Maria Luise Schulten lässt uns mit diesen Fragen alleine und erwähnt nicht, wie man darauf reagieren sollte oder kann.
6. Lässt sich Musikalität messen? Zwei bekannte Tests zur Prüfung der "Musikalität" sind der amerikanische Seashore- und der englische Bentley-Test. Beide fassen "Musikalität" als ein Bündel von verschiedenen Fähigkeiten auf, die durch entsprechende Spezial- oder Unter-Tests ermittelt werden. Beide Tests genügen jedoch - entgegen der Behauptungen ihrer Konstrukteure - in vielen Punkten nicht den neueren Anforderungen an standardisierte Tests.
7. Die musikalische Entwicklung von Kindern ist untrennbar mit der Ausbildung von Einstellungen und Urteilen gegenüber Musik verbunden. Wichtige Einflussfaktoren dabei sind: die Schichtenzugehörigkeit der Eltern, Alter, Geschlecht (ab der Pubertät) und Schulbildung der Kinder. Je höher z.B. der Bildungsgrad der Eltern ist, um so eher bevorzugen sie Klassische Musik und vermitteln ihren Kindern, dass Klassische Musik "wertvoll" ist.
8. Die Allgegenwart der Musik und die zahlreichen Lernangebote für Kinder erfordern eine neue wissenschaftliche Aufmerksamkeit gegenüber kindlichem Musikverhalten. Aber vor allem muss das Bedürfnis von Kindern nach musikalischer Betätigung unterstützt werden. Denn Musik macht Spass, entspannt, fördert Kommunikationsfähigkeit und Erlebnistiefe, macht erfinderisch und stärkt den persönlichen Ausdruck und die Genussfähigkeit; allerdings nur dann, wenn Kinder nicht zu musikalischen Leistungssportlern getrimmt oder zur Musik gezwungen werden.