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PÄDAGOGIK - DIPLOMARBEIT

© Marcel Maij, Wil SG, 1999


Die Gitarre im Unterricht | Gitarrenspezifisches Lehrkonzept

 

4. ALLGEMEINES LEHRKONZEPT

Es ist sehr schwer, ein Lehrkonzept zu entwickeln, dass den Wünschen und den Erwartungen aller Schüler gleichzeitig entspricht. Hier spielen enorm viele Faktoren eine Rolle, zum Beispiel die Lernbegabung, der Lernwille, der Lerntyp (Intellekt oder Gefühl), das Alter, die Vorkenntnisse die Beziehung Lehrer - Schüler, der Musikgeschmack, usw. Das heisst, ich muss für jeden einzelnen Schüler ein eigenes Lehrkonzept entwerfen. Das folgende allgemeine Lehrkonzept enthält alle Bereiche, die ich dafür brauche um ein schülerspezifisches Lehrkonzept zu entwickeln.

 

4.1 Umgebung / Infrastruktur

Eine der wichtigsten Sache, um eine gute Lektion zu geben, ist die Umgebung. Es ist bestimmt nicht sehr fördernd, die Lektion in einer alten, schimmligen Holzbaracke zu halten. Es ist sinnvoller einen Raum zu haben, der genügend gross und hell ist, im Winter geheizt ist und vielleicht auch noch ein paar Bilder an der Wand hat. Die ganze Atmosphäre ist für den Schüler und für den Lehrer sehr wichtig. Dazu kommt, dass auch die Infrastruktur vorhanden sein soll. Es sollten sicher genug Stühle und genug Notenständer vorhanden sein. Ebenso soll ein Kassetten/CD-Player vorhanden sein um Beispiele zu hören oder auch die Lektion oder einzelne Stücke aufzunehmen. In meinem Fall muss natürlich auch ein Gitarrenverstärker vorhanden sein.

 

4.2 Erste Schritte

Was für Abklärungen sind anfänglich wichtig um mit einem Schüler zu arbeiten? Erstens muss ich wissen, wo der musikalische Stand ist, um auch am richtigen Ort einzusteigen. Dies lässt sich durch ein Gespräch und auch durch Vorspielen in Erfahrung bringen. Dadurch lassen sich zwar Über- oder Unterforderungen nicht vermeiden, welche jedoch ebenfalls wichtig sein können um den musikalischen Stand zu ermitteln. Ich merke in den ersten Lektionen auch, was der Schüler für ein Lerntyp ist. Lernt er vor allem über den Intellekt oder über das Gehör? Dies zu wissen ist sehr wichtig, denn nur so kann ich effizient auf sein Lernverhalten einwirken. Aus Erfahrungen weiss ich, dass Wünsche des Schülers sehr wichtig sein können (dies gilt nicht nur für den Anfang, sondern auch während der ganzen Unterrichtsdauer). Wenn solche Wünsche nicht berücksichtigt werden, verliert der Schüler oft den Spass am Instrument. Sehr oft lassen sich mit solchen Wünschen auch verschiedene Übungen kombinieren. Natürlich ist man als Lehrer in diesen Situationen gefordert, was jedoch auch für mich sehr lehrreich sein kann (neue Musikstile, neue Übungen, usw.). Und zwangsläufig erhöht sich dadurch die Flexibilität des Lehrers. Gewisse Vorsicht ist jedoch bei Schülerwünschen geboten. Es kommt vor, dass Wünsche für den Schüler zu schwer sind. Solche kann man aber gut als langfristiges Ziel verwenden oder man kann dem Schüler damit zeigen, dass es viel Arbeit braucht, bis man so etwas beherrscht.

 

4.3 Ziele

Ziele sind für uns Menschen schon immer sehr wichtig gewesen, sonst wären wir heute wohl nicht so weit wie wir sind. Dies gilt auch für den Musikunterricht. Als erstes muss man zwischen kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Zielen unterscheiden. Meistens kommen die Schüler mit langfristigen Zielen zu mir. Auf die Frage, was sie gerne lernen möchten erhalte ich oft eine Antwort wie zum Beispiel: "Ich weiss es nicht, ich will einfach Gitarre spielen können." Oder: "Ich will so spielen können wie Bon Jovi." In solchen Momenten weiss der Schüler nicht, wie lange und wie arbeitsintensiv ein solcher Weg sein kann. Also muss man mit ihm mittel- und kurzfristige Ziele vereinbaren. Ein mittelfristiges Ziel kann eines über ein oder zwei Semester sein, ein kurzfristiges Ziel über ein oder mehrere Wochen. So merkt der Schüler, dass es viele Hürden zu überwältigen gibt, was jedoch sehr positiv sein kann. Je kleiner solche Hürden sind, desto schneller und öfter hat er Erfolgserlebnisse und dies zeichnet sich in seiner Motivation aus. Es ist viel motivierender in einer mittel- oder langfristigen Zeit mehrere Erfolgserlebnisse zu erreichen, als nur eines oder sogar keines.

 

4.4 Lehrmethoden

Lehrmethoden haben es an sich, dass sie nie den Wünschen aller Schüler gerecht werden. Es gibt Methoden, die sich nur mit Notenlesen beschäftigen, solche, die sich nur mit Improvisation befassen, solche, die nur Klassisch aufgebaut sind oder solche, die nur für Rock/Pop Musik aufgebaut sind. Natürlich gibt es noch viel mehr verschiedene, die ich hier jedoch nicht alle aufzählen will und kann. Dann gibt es solche, die alle oder viele Bereiche anschneiden, diese aber meistens nur flüchtig oder ungenügend. Da bleibt mir als Lehrer nur eines übrig, ich muss mit verschiedenen Methoden arbeiten. Je nach Zielsetzung mit dem Schüler, brauche ich mehr die eine oder die andere. Es kommt ebenfalls vor, dass ich mehrere gleichzeitig verwende.

 

4.5 Vorbereitung

Die Vorbereitung ist etwas sehr wichtiges für den Schüler und für den Lehrer im Unterricht. Meiner Meinung nach kann ein Unterricht nicht sinnvoll und zielgerichtet gestaltet werden ohne Vorbereitung. Zur Vorbereitung des Lehrers gehören, unter anderem, folgende Punkte: Ein Lektionsziel formulieren, den Ablauf der Lektion notieren, Infrastruktur und Hilfsmittel beschaffen und eventuell Kopien machen. Natürlich ist es ebenso wichtig, Flexibilität und Improvisation im Unterricht walten lassen zu können. So kann auch mal eine Auflockerung stattfinden. Auch der Schüler sollte sich auf die Lektion vorbereiten. Er sollte geübt haben, Fragen, die aufgetaucht sind, notieren und CDs oder Noten mit Musikwünschen mitbringen. Zur Vorbereitung des Lehrers gehört selbstverständlich auch eine Nachbearbeitung, wie zum Beispiel das Schülerjournal schreiben, sich darüber Gedanken machen, ob das Lektionsziel erreicht worden ist und was man besser machen könnte.

 

4.6 Einhören

Damit alle Schüler auch beim Musikunterricht ankommen können, hören wir uns oft als erstes ein Musikstück, das ich oder der Schüler mitbringt, an. So verschwindet anfängliche Nervosität und Hektik. Vor allem dann, wenn der Schüler direkt von der Schule, von der Arbeit oder vom Sport kommt.

 

4.7 Ein- und Ausspielen

Der Schüler und ich spielen uns jeweils mit einem Stück, das er kennt und bereits kann, ein. Dies soll eine Aufwärm-Übung sein. Ab und zu nehme ich auch Rhythmik an den Anfang, da dies ebenfalls aufwärmend wirkt und die Schüler haben auch sehr Spass daran. Das Ausspielen am Schluss der Lektion läuft ähnlich ab. Der Schüler kann sich so von der Konzentration lösen und geht ohne Stress nach Hause. Man muss jedoch vorsichtig sein, dass man nicht die grösste Zeit der Lektion mit Ein- und Ausspielen verbringt, da sonst die Zeit für Neues zu knapp wird.

 

4.8 Gehörbildung

Ich beginne von Anfang an mit Gehörbildung. Da ich am Anfang meistens nicht mit Notenlesen beginne, wird die Gehörbildung sehr wichtig. Ich lasse die Schüler oft Melodien, die sie kennen, nach dem Gehör heraus suchen und spielen. Dies ist auch sehr förderlich um das Instrument besser kennen zu lernen. Folgende Punkte, betreffend Gehörbildung, lasse ich während meinen Lektionen einfliessen:

- Melodien nach Gehör heraus suchen und spielen

- Ich spiele zwei Töne vor und der Schüler muss herausfinden welcher höher und welcher tiefer ist - Ich spiele kleine Melodien vor und die Schüler sollen sie nachspielen

- Ich spiele rhythmische Phrasen vor und die Schüler sollen sie nachspielen - Ich spiele verschiedene Akkorde vor und der Schüler soll herausfinden welche Dur und welche Moll sind

- Der Schüler kriegt die Aufgabe ein bestimmtes Musikstück intensiv zu hören und muss es mir dann beschreiben (vor allem die Stimmungen)

- Ich lasse ein Musikstück laufen und der Schüler muss heraushören wie viele und welche Instrumente mitspielen - Der Schüler soll auf einzelne Instrumente lauschen

- Der Schüler beginnt Melodien und Begleitungen von einer CD zu transkribieren

Meines Erachtens ist die Gehörbildung ein sehr wichtiges Element der Musik. Sie fördert das Verständnis der Musik, die Möglichkeiten der Interpretation und ist eine grosse Hilfe beim Zusammenspiel.

 

4.9 Rhythmik

Ich versuche in jeder Lektion Rhythmik einfliessen zu lassen. Zum Beispiel lasse ich neue Lieder als erstes rhythmisch singen, klatschen oder auf einem Ton spielen. Auch habe ich bestimmte Übungsblätter, die wir immer wieder singen, klatschen oder spielen. Bei Problemfällen beziehe ich auch Bewegungen mit ein. Das heisst, die Schüler bewegen sich oder laufen zum singen oder klatschen. Dazu verwende ich meistens das Metronom. Damit lernt der Schüler auch konstant im Tempo zu bleiben.

 

4.10 Interpretation

Die Interpretation ist etwas von wichtigsten in der Musik. Die Musik soll etwas mitteilen, sie soll Kommunikationsmittel sein und dies ist erst mit der entsprechenden Interpretation möglich. Wie ich im Abschnitt "Gehörbildung" bereits erwähnt habe, lasse ich die Schüler Melodien nach Gehör und von CDs heraus hören. Ich erwarte von ihnen, dass sie auch die Stimmungen, die Dynamik, die Phrasierungen und die Lautstärke heraus hören und nachspielen. Selbstverständlich führe ich auch bewusst Übungen mit Dynamik, Artikulation und Phrasierungen durch. Zum Beispiel lasse ich solche überdeutlich spielen, damit es den Schülern ganz klar und bewusst wird. Ebenfalls mache ich Spiele mit dem Tempo indem die Schüler gezielt langsamer oder schneller werden. Ich habe eine Liste mit verschiedenen Möglichkeiten, wie Musik gespielt werden könnte, aufgestellt. Zum Beispiel "lustig, traurig, fröhlich, wütend, temperamentvoll, ernst, stürmisch, usw." Die Schüler sollen versuchen solche Möglichkeiten bewusst zu spielen. Auch nehme ich oft die Schüler auf Kassette auf, damit sie sich selber hören und beurteilen können.

 

4.11 Improvisation

Als Jazzmusiker liegt mir die Improvisation natürlich sehr am Herzen. Deshalb beginne ich mit meinen Schülern auch sehr früh damit. Ich lasse Schüler mit einer bestimmten Auswahl von Tönen frei improvisieren. Es sollen Melodien oder rhythmische Muster entstehen. Ich baue oft Frage-Antworte Spiele zwischen mir und dem Schüler ein. Da die Improvisation spontanes komponieren ist, verbinde ich dies sehr oft mit der Komposition. Die Improvisation führe ich kontinuierlich weiter, indem ich die Tonauswahl vergrössere, mit melodischen und rhythmischen Motiven und mit Motivwiederholungen arbeite, mit bewussten Anfangs- und Zieltönen arbeite und lass auch die Interpretation einfliessen. Später transkribieren die Schüler auch. Die Improvisation lässt sich hervorragend mit anderem Lernstoff verbinden. Zum Beispiel, Spieltechnik, Lagenwechsel, Koordination zwischen linker und rechter Hand, verstehen und hören von Modulationen, verschiedene Rhythmen, verschiedene Taktarten, mit Gehörbildung (z.B. Intervalle), verschiedene Formen und wie bereits erwähnt mit Komposition.

 

4.12 Komposition

Die Schüler komponieren bei mir regelmässig. Ich verarbeite mit ihnen ihre eigenen Ideen so, dass ein Lied entsteht. Dies ist sehr sinnvoll um eigene Improvisationen zu kreieren und um das Verständnis der Musik zu fördern. Ich analysiere mit den Schülern oft auch Lieder und erkläre ihnen, wie der Komponist wahrscheinlich vorgegangen ist. Weiter helfe ich ihnen dabei Begleitungen und Akkorde für ihre Stücke zu finden. Nach einiger Erfahrung und Zeit sind sie selber fähig, einfache eigene Lieder zu schreiben. Solche Stücke lasse ich zum Teil auch an Vortragsübungen vorspielen. Der Stolz, ein eigen komponiertes Stück vorspielen zu können, ist jeweils sehr gross.

 

4.13 Notenlesen

Wie ich anfänglich bereits erwähnt habe, beginne ich selten mit dem "Notenlesen". Meine Erfahrung zeigt, dass Schüler oft Probleme haben, die vielen Faktoren, die am Anfang bestehen, unter einen Hut zu bringen. Es ist sehr schwer die Koordination zwischen den beiden Händen, das Erkennen der Note, das Wissen, wo die entsprechende Note auf dem Instrument zu spielen ist und die Rhythmik gleichzeitig zu kombinieren. Darum beginne ich am Anfang mit Fingersatz und Gehör zu arbeiten (siehe auch Abschnitt "Gehörbildung"). Anfänger finden den Zugang zum Instrument wesentlich schneller und einfacher mit Griffbildern und dem Tabulatursystem. Das "Notenlesen" lasse ich später hinzu fliessen, wenn bestimmte Faktoren, wie zum Beispiel Koordination, bereits vorhanden sind. Es gibt immer wieder Schüler, die wollen das Instrument ohne "Notenlesen" lernen. Dies verstehe ich gut, versuche sie jedoch anhand von Beispielen zu überzeugen, dass das "Notenlesen" auch sehr wichtig sein kann.

 

4.14 Üben

Das leidige Thema schlechthin! Es gibt wohl kaum ein Schüler, der gerne übt. Ich denke, das liegt daran, dass üben immer mit Fingerübungen, Tonleiterübungen und sonstigen trockenen Materien assoziiert wird. Ich bin der Meinung, dass Üben auch sehr Spass machen kann. Ich versuche meinen Schülern immer weiter zu geben, dass sie musikalisch üben sollen. Zum Beispiel sollen sie Tonleitern immer rhythmisch, mit Artikulation oder improvisativ üben. Dies klingt viel mehr nach Musik als trockenes rauf und runter. Ich nehme mir immer Zeit, während der Lektion mit dem Schüler zu üben. So lernen sie, wie sie die Übungen überhaupt üben sollen. Auch stelle ich mit ihnen ein kleines Lernkonzept zusammen. Wichtig am üben ist, dass jeden Tag und regelmässig geübt wird. 15 bis 20 Minuten täglich genügen absolut. Bei jüngeren Schülern suche ich auch das Gespräch mit den Eltern. Sie sollen versuchen, das Üben im Tagesrythmus zu integrieren, wie zum Beispiel das Zähne putzen. So wird es für das Kind absolut normal und es gehört zur Tagesordnung.

 

4.15 Kritik

Mein Ziel ist es den Schüler soweit zu bringen, dass er fähig wird, Selbstkritik zu üben. Er soll selber seine Schwächen und seine Stärken erkennen können. Dies üben wir, indem sich der Schüler jeweils selber einschätzt. Das heisst, er soll selber herausfinden ob das Geübte in Ordnung war, wo Fehler waren, wo es gut klang, usw.

 

4.16 Musiktheorie

Die Musiktheorie lasse ich regelmässig in den Unterricht einfliessen. Oft geben die Schüler selber den Ausschlag mit Fragen, wie zum Beispiel: "Was bedeutet das 7 beim G7-Akkord?" So baue ich die Theorie vom Akkordaufbau und Stufentheorie ein. Mit der Zeit beginnen die Schüler auch Lieder zu analysieren. Im Bereich Musiktheorie gibt es auch sehr oft die Aha-Erlebnisse, aber nur dann wenn sie es auch wirklich wissen wollen.

 

4.17 Musikgeschichte

Die Musikgeschichte steht bei mir nicht unbedingt im Vordergrund. Da ich praktisch keinen Klassischen Unterricht erteile, komme ich auch nicht in die verschiedenen Musikstile rein, die es früher gab. Beim Unterricht mit Rock, Pop und Jazz fliessen die geschichtlichen Elemente dann schon ein. Es ist auch für den Schüler interessant, wie zum Beispiel der Blues früher gespielt wurde. Die Geschichte ist sehr oft auch eine Stilfrage.

 

4.18 Vortragsübungen

Für viele Schüler ist es ein Gräuel Vortragsübungen zu machen. Ich finde sie eigentlich sehr wichtig. Die Schüler können so gute Erfahrungen im öffentlichen Vorspiel erwerben. Da man oft die Stücke in Zweiergruppen oder auch in grösseren Gruppen vorträgt, wirkt sich dies auch sehr vorteilhaft im Zusammenspiel aus. Ebenso ist es ein hervorragendes Ziel um eines oder mehrere Stücke intensiv zu lernen. Schlussendlich wird es auch für die Eltern der Schüler gemacht, damit sie die Fortschritte ihrer Kinder hören können und für was sie ihr Geld ausgeben.

 

4.20 Semestergespräch

Ich führe jeweils am Ende des Semesters ein Gespräch mit jedem Schüler durch. Hier macht der Schüler und ich einen Rückblick auf das Semester. Es werden Probleme besprochen und gelöst. Der Schüler hat hier auch die Möglichkeit negative und positive Kritik anzubringen. Ebenfalls werden in diesem Gespräch neue Zielsetzungen für das nächste Semester gesucht und festgehalten.

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