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DIE GESCHICHTE DER JAZZ-GITARRE

© Marcel Maij, Wil SG, 22.12.1997


Ursprünge

Es ist nicht zu ändern: auch was die Jazzgitarre angeht liegen deren Ursprünge in der alten Welt, in der ganz alten, notabene in Asien, wo man bekanntlich bereits höchst kultiviert war, als in unseren europäischen Regionen noch das Bärenfell als Lagerstätte herhalten musste. Wer auf die Idee gekommen war, das Ende des Pfeilbogens irgendwann mal in den Mund zu stecken, muss weiterhin im Dunkeln bleiben. Jedenfalls tat er just dies, zupfte dabei an der Sehne herum und erfuhr zum ersten Male in der Geschichte des homo erectus den thrill der Vibration und seinen Kopf als Resonanzkörper für künstlich erzeugte Geräusche, den berühmten twang. Buschmänner in der Kalahari-Wüste in Betschuanaland, machen heute noch auf solche Weise „spannende“ Musik.

Nun gut, es liegt mir fern, einen achtstündigen Vortrag über die gesamte Entwicklung und Geschichte der Gitarre zu halten. Bevor ich in den Bereich Jazz komme, will ich ein Beispiel eines Blues-Stückes vorspielen (geht hier nicht :))) ), da der Blues für die Gitarre die Brücke in die moderne Musikwelt bildet.

 

Von den Anfängen bis Charlie Christian

Die Geschichte der Jazzgitarre beginnt mit Johnny St.Cyr und Lonnie Johnson. Beide stammen aus New Orleans. St.Cyr war Begleit-Gitarrist bzw. -Banjospieler bei King Oliver, Louis Armstrong und Jelly Roll Morton in den zwanziger Jahren, während Johnson von Anfang an gern als Solist auftrat. Der Gegensatz zwischen der rhythmischen Akkord-Spielweise und der solistischen "single note"-spielweise, der die Gitarrenentwicklung beherrscht, ist mit St.Cyr und Johnson gleich zu Beginn angedeutet. Danny Barker zum Beispiel kann direkt von Johnny St.Cyr hergeleitet werden. Barker wurde oft als „Banjo-König aus New Orleans“ bezeichnet. Er hat sogar Aufnahmen mit Charlie Parker gemacht, und das Ergebnis dieser Zusammenarbeit zwischen dem New Orleans-Gitarristen und dem grossen Bop-Musiker ist anscheinend gar nicht so paradox, wie man annehmen könnte.

Diejenigen Gitarristen der New Orleans-Tradition, welche die Akkordspielweise Johnny St.Cyrs und die von Lonnie Johnson in Ansätzen vorgestellte "single note"-spielweise am eigenwilligsten verbunden haben, sind Teddy Bunn und Al Casey. Bunn hat einige seiner schönsten Aufnahmen mit Tommy Ladnier im Jahre 1938 gemacht. Al Casey - bereits zum Swing-Stil gehörend - ist durch viele Aufnahmen mit Fats Waller bekannt geworden und spielte die intensivsten "single note"-Soli ausserhalb des Charlie Christian-Bereiches.
Lonnie Johnson hat vor allem Eddie Lang, den wichtigsten Gitarristen des Chicago-Stils, beeinflusst und auch mit ihm Duo-Aufnahmen gemacht. Der andere Chicago-Stil-Gitarrist ist Eddie Condon, stärker von St.Cyr beeinflusst, war reiner Akkordmusiker und bis zu seinem Tode im Jahr 1973 ein unermüdlicher geistiger Vater der Dixieland- und Chicago-Stil-Szene in New York.

Wer alles das gehört hatte, was diese Gitarristen bis in die zweite Hälfte der dreissiger Jahre hinein spielten, kann die Faszination verstehen, die Django Reinhardt auf die amerikanischen Jazzmusiker ausübte. Django entstammte einer alten, durch halb Europa gezogenen Zigeunerfamilie. In seinem Spiel schwingt das Saitengefühl seines Volkes. All das, verbunden mit seiner grossen Verehrung für Eddie Lang, wurde lebendig in Django Reinhardts berühmten Hot Club de France-Quintett, nur aus Saiteninstrumenten bestehend: drei Gitarren, Violine (Stephane Grappelli) und Bass. Es ist die Melancholie der Zigeunertradition, die den Zauber von Djangos Musik ausmacht; bis in die letzten Tage hinein - er starb 1953.

Django Reinhardt

 

Die Rolle von Charlie Christian, im Bezug auf die Gitarre, ist so revolutionär, dass man sich gar nicht vorstellen kann, was heute wäre, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Er war der erste, der die Jazzgitarre verstärkt hat, wird gesagt. Etwas Tragisches jedoch haftet an diesem Faktum. Von all diesen Verdiensten, die er auf sich vereinigt, dürfte wohl ein grosser Teil einem anderen zustehen, Eddie Durham. Was das verstärkte Instrument angeht, besteht Charlie Christians immense Bedeutung darin, sie für den zukünftigen modernen Jazz etabliert zu haben. Eddie Durham jedoch hat die Jazzgitarre verstärkt. Durham spielte anfangs der dreissiger Jahre bei Bennie Moten und spielte dort bereits elektrisch. Er hat sich den Verstärker und den Anschluss an die Gitarre selber gebastelt. Er starb 1987. Aber er hinterliess den Gitarristen das, was für andere Bird, Miles oder Coltrane war. Einen Meister namens Charlie Christian. Es war 1936, als sich der 1916 geborene Christian bei Benny Goodman vorstellte. Der Musikmanager John Hammond hörte Charlie Christian an einem Konzert in Oklahoma City. Hammond eilte ins Hotel zurück und wählte sofort Goodmans Nummer. Christian stellte sich bei Goodman vor; im grünen Anzug zuzüglich Purpurhemd und in gelben spitzen Schuhen. Die Gunst mit solcherlei Farbenfrohsinn ward beim blassen Meister Goodman nicht erhört. Hammond erreichte es, über verschiedene Musiker der Goodman-Band, für Christian einen Weg zur Bühne zu weisen. Christian hielt sich in Deckung bis die Big-Band der Quartett-Formation Platz machte und er strahlend dazwischen hockte. Goodman muss den Spruch "It's a waste of time to hate facts" gekannt haben, schaute zwar drein, als wolle er ihn umbringen, schluckte aber die Kröte und ordnete Rose room an, in der Hoffnung, den jungen Schwarzen damit reinlegen zu können. Christian kannte diesen Song jedoch sehr wohl und nach dem dritten Chorus signalisierte Goodman ihm, er solle übernehmen. Christian gab seinem Affen gehörig Zucker. Ein Chorus folgte dem andern, Fletcher Henderson und Lionel Hampton waren wie betäubt. Keiner von denen hatte je so etwas von irgendeinem Musiker gehört, schon gar nicht von einem Gitarristen. Er machte mehr als zwanzig. Der ganze Raum war wie elektrifiziert, und auf einer Stoppuhr dauerte das ganze Stück 43 Minuten. Dann überredete Goodman Christian sogar noch dazu, in seiner Big-Band mitzuspielen, wenn das Quartett zu Ende sein würde. Natürlich sehr zum Verdruss Arnold Coveys, seines festen Gitarristen. So wurde Charlie Christian Gitarrist des Benny Goodman-Orchesters. 1942, im Alter von 25 Jahren, starb Charlie Christian an einer Lungentuberkulose.

Charlie Christian

Eddie Durham

 

50er Jahre

Wer nach Charlie Christian Gitarre spielt, kommt von ihm her. Der Bekannteste war Barney Kessel. Wenn man Kessel als rhythmisch vitalsten Gitarristen der 50er Jahre bezeichnen konnte, so war Jimmy Raney der harmonisch interessanteste und Johnny Smith der klanglich Raffinierteste. Kenny Burrell könnte man als den hervorragendsten Gitarristen des Hard-Bops bezeichnen, aber er hat sich - sowohl auf der elektrischen wie der spanischen Gitarre - auch in verschiedenen anderen Bereichen hervorgetan. Er hat mit Dizzy Gillespie, Benny Goodman, Gil Evans, Astrud Gilberto, Stan Getz und John Coltrane gespielt - was seine Vielseitigkeit kennzeichnet.
Weitere Namen der 50er Jahren: Tal Farlow, Herb Ellis, Grant Green, Charlie Byrd, usw.

 

Barney Kessel

Jimmy Raney

Johnny Smith

Kenny Burrell

 

Barney Kessel

Jimmy Raney

Johnny Smith

Kenny Burrell

 

60er Jahre

"Das Beste, das der Gitarre seit Charlie Christian geschehen konnte" gemäss Ralph Gleason. Die 60er Jahre gehörten Wes Montgomery (geb. 1925). Für mich ist Wes Montgomery der „Gründer“ des heutigen Gitarrenjazz. Unter vielen anderen Gitarristen, kam auch er aus der Charlie Christian-Schule. 1968 verstarb er aus bis heute nicht sicher erklärten Gründen. Aus derselben Schule kommt auch Jim Hall, der ebenfalls in den 60er Jahren und bis heute grosser Einfluss auf die Entwicklung der Gitarre hatte.
Die 60er-Jahre, die Jahre der Beatles und Rolling Stones. Die Rockmusik findet ihre Anfänge.

Wes Montgomery

Wes Montgomery

 

70er Jahre

Das Erbe Wes Montgomerys haben viele Musiker weitergeführt. Zwei taten es jedoch in besonderem Masse. Pat Martino und George Benson, der letztere in eine kommerzielle Richtung, der Erstere in deren Gegenteil. Mit der ganzen elektrischen Entwicklung kamen neue Namen auf, wie zum Beispiel John McLaughlin, John Abercrombie, Al DiMeola, Larry Coryell, Steve Kahn, usw.
Die Rock- und Popmusik wurde ebenfalls weiterentwickelt. Zum Beispiel taten Jimmi Hendrix, Frank Zappa, Eric Clapton, Carlos Santana, Deep Purple und unzählige weitere Musiker und Bands ihren Anteil daran.

Pat Martino

George Benson

Pat Martino

George Benson

 

80er Jahre

Die 80er Jahre wurden vor allem durch John Scofield, Pat Metheny, Mike Stern, und anderen geprägt.

John Scofield

Pat Metheny

Mike Stern

John Scofield

Pat Metheny

Mike Stern

 

90er Jahre

Ein sehr wichtiger Gitarrist der 90er Jahre ist für mich Mick Goodrick. Er spielte bereits in den 70er Jahren mit Haden und Burton zusammen, pausierte dann etwa 10 Jahre und ist erst seit den 90er Jahren wieder aktiv und nimmt wieder Platten auf. Er war und ist immer noch das Vorbild vieler junger Gitarristen, wie zum Beispiel Pat Metheny. Er ist ein wunderbarer Begleiter und ein ebenso guter Solist.

Mick Goodrick

Mick Goodrick

 

Schlusswort

Die Gitarre ist einen weiten Weg gegangen - Vom Banjo Afrikas zum Instrument John McLaughlins und John Scofields, vom Blues zum Gitarren-Synthesizer. Die Gitarre ist - wie die Flöte - ein archetypisches Instrument. Der griechische Gott Pan, der indische Gott Shiva, aztekische Götter haben Flöten geblasen. Engel und Apsaras - die himmlischen weiblichen Wesen der Hindu-Mythologie - haben Gitarre gespielt. Es wird auf die Ähnlichkeit der Gitarre mit dem weiblichen Körper hingewiesen. Wie der Liebende den Körper der Geliebten, so umwirbt der Gitarrist den „Körper“ - auch hier wird ja dieses Wort gebraucht - seines Instrumentes, streichelt, liebkost ihn, damit sie, die Geliebte, nicht mehr nur Empfangende bleibt, sondern Gebende wird. Der Gitarrist und sein Instrument symbolisieren das Paar schlechthin, symbolisieren Liebe.

Zitat Joachim E. Berendt, das grosse Jazzbuch, S. 318

 

Quellenangabe

- das grosse Jazzbuch , Joachim E. Berendt
- Jazzgitarristen, Alexander Schmitz
- Jazzlexikon, Martin Kunzler
- Diverse Langspielplatten

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