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h-moll-Messe (BWV 232)

Johann Sebastian Bach

© Marcel Maij, Wil SG, 09.04.1998


Vorwort

Wie komme ich dazu, eine Arbeit über die h-moll-Messe von J.S. Bach zu schreiben? Vor etwa zwei Jahren hörte ich zum ersten Mal das Kyrie Eleison 1 der Messe. Ich war so begeistert davon, dass ich mir eine Aufnahme kaufte. Nach unzähligem Hören besteht heute eine Beziehung zwischen der Messe und mir, die man schon fast als Liebe bezeichnen könnte. Für mich ist die h-moll-Messe eines der grössten musikalischen Kunstwerke, welches in der Zeit des Barock entstanden ist. Ich empfehle jedem, der diese Arbeit zu lesen im Sinn hat, die Messe vorher ein paar Mal anzuhören. Denn, was ist schon das Lesen von Theorie und Geschichte gegenüber dem Genuss des Hörens!

 

Johann Sebastian Bach

Johann Sebastian Bach wurde am 21. März 1685 in Eisenach geboren. Seine Eltern, Johann Ambrosius Bach und Maria Elisabetha, geb. Lämmerhirt, hatten insgesamt sieben Kinder wovon Johann Sebastian der Jüngste war. Johann Sebastian wurde im Alter von etwa 10 Jahren Vollwaise und kam in die Obhut von seinem älteren Bruder, Johann Christoph Bach. Vermutlich erhielt Johann Sebastian bis zu seinem 15. Geburtstag Musikunterricht von seinem grösseren Bruder, der Organist an der Michaeliskirche in Ohrdruf war. Als 18jähriger, am 14. August 1703, trat Johann Sebastian seine erste Stelle als Organist an der Liebfrauenkirche in Arnstadt an. Hier blieb er etwa vier Jahre lang bevor er am 15. Juni 1707 zum Organisten an der Blasiuskirche in Mühlhausen ernannt wurde. Anscheinend war dies ein sehr kurzes Verhältnis, denn im Juni 1708 wurde er zum Hoforganisten und Cammermusicus bei Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar ernannt. Am 2. März 1714 wurde er zum Konzertmeister in Weimar befördert. Das Jahr 1717 war für Johann Sebastian Bach ein wohl sehr turbulentes Jahr. Er wurde am 5. August zum Hofkapellmeister bei Fürst Leopold von Anhalt-Köthen ernannt. Bach konnte die Stellung zunächst nicht antreten, da ihn Herzog Wilhelm Ernst nicht entlassen wollte. Am 6. November nahm ihn Wilhelm Ernst unter Arrest bevor er am 16. Dezember Weimar verlassen konnte. Am 22. Mai 1723 übernahm Bach das Thomaskantorat in Leipzig. Hier blieb er bis zu seinem Tode am 28. Juli 1750.

 

Die h-moll-Messe

Soweit die Forscher wissen, widmete sich Bach erst relativ spät der Komposition eigener Messen. Lediglich das Kyrie Eleison BWV 233a könnte bereits in den Weimarer Jahren (1708 - 1717) entstanden sein. Es ist bis heute nicht klar, welche Messen er von Amtes wegen komponierte und welche er für auswärtige Auftraggeber bestimmt hatte. Die vier Kurzmessen (BWV 233-236) waren möglicherweise ganz oder teilweise für die Figuralmusik in den Leipziger Hauptkirchen gedacht. Dies muss für die h-moll-Messe weitgehend ausgeschlossen werden, denn als Ganzes konnte sie im lutherischen Gottesdienst nicht verwendet werden.

Es bestehen verschiedene Meinungen darüber, wann die h-moll-Messe entstanden ist. Fest steht jedoch, dass sie nicht innert kurzer Zeit sondern über einen Zeitraum von etwa 25 Jahren entstanden ist. Das sechsstimmige "Sanctus" in D-Dur erklang erstmals am 25. Dezember 1724 in der Weihnachtsvesper. Es wurde auch noch zu späteren Zeitpunkten aufgeführt. Für eine Aufführung von Teil 2 und Teil 4 der Messe fehlen dagegen jegliche Anhaltspunkte. Unklar ist auch, ob der erste Teil der Messe (Kyrie und Gloria) jemals unter der Leitung von Bach aufgeführt wurde oder ob dieser Teil der Messe nur für den fürstlichen Hof in Dresden bestimmt war. Denn Bach übergab den handschriftlichen Stimmensatz dem Kurfürsten, in der Absicht, den Titel eines sächsischen "Hofkompositeurs" zu erlangen. In dem Widmungsschreiben vom 27.7.1733 bot er an, weitere Musik für den fürstlichen Hof zu liefern, wozu vielleicht auch der (heute nicht mehr erhaltene) Stimmensatz zu seinem "Magnificat D-Dur BWV 243" gehörte. Fest steht auf jeden Fall, dass das "Kyrie" und "Gloria" der h-moll-Messe im Frühjahr 1733 entstanden ist. Vermutlich nutze Bach die Zeit der fünfmonatigen Landestrauer (Feb.-Juli 1733) nach dem Tod von August dem Starken (in dieser Zeit hatte die figurale Kirchenmusik in Sachsen zu schweigen) um ein so umfangreiches kompositorisches Vorhaben zu verwirklichen. Im Jahre 1740 erarbeitete er drei Sätze aus dem "Gloria" zu einer lateinischen Weihnachtskantate.

Ursprünglich war man der Meinung, das "Credo" sei 1732 entstanden und das "Sanctus" sowie die restlichen Stücke von "Osanna" bis "Dona nobis pacem" seien bis etwa 1739 dazugekommen, so dass das Gesamtwerk bereits dann im Ganzen vorlag. Jüngere Forschungen erwiesen jedoch das Gegenteil. Das "Sanctus" wurde, wie schon erwähnt, früher geschrieben, das "Credo" und die restlichen Stücke von "Osanna" bis "Dona nobis pacem" kamen erst später dazu. Erst im Jahre 1748/1749 widmete sich Bach noch einmal seiner Missa von 1733, indem er sie zur "Missa tota" (vollständige Messe) ergänzte und die noch fehlenden Teile "Symbolum Niceum", "Sanctus", "Osanna", "Benedictus" "Agnus Dei" und "Dona nobis pacem" hinzufügte. Während Bach das "Credo" etwa zu gleichen Teilen aus Neukompositionen und Parodien zusammenstellte, wurden für den vierten Teil ausschliesslich ältere Kompositionen herangezogen. Das "Sanctus" kopierte er lediglich aus der bereits 1724 geschriebenen Partitur. Es ist sehr imponierend, wie sich frühere und neue Teile so bruchlos aneinander fügen lassen und teilweise unmittelbar nebeneinander stehen können. Zu erwähnen ist, das Bach das Ganze, abweichend von der üblichen katholischen Fünfteiligkeit, ungewöhnlicherweise in vier Teilen zusammengefasst hat. Nach neusten Ergebnissen in der Forschung ist die "Kunst der Fuge" nicht, wie bis anhin angenommen, unmittelbar vor Bachs Tod entstanden. Also kann man davon ausgehen, dass die h-moll-Messe sein eigentliches Vermächtnis, sein letztes grosses Werk ist.

Die Zusammenstellung der einzelnen Messeteile erfolgte in einer Zeit, in der er sich vorrangig dem Sammeln, dem Bewahren und Überarbeiten seiner Werke widmete. Es ist darüber hinaus auch eine Zeit der intensiven Auseinandersetzungen mit lateinischen Messekompositionen des 16. und 17. Jahrhunderts. Das Schriftbild der 1748/1749 fertig gestellten autographen Partitur zeugt an mehreren Stellen in erschütternder Weise von Bachs zunehmender Augenkrankheit, und wie schon erwähnt, gehört diese Quelle vermutlich überhaupt zu den letzten Schriftzeugnissen des Thomaskantors, der im Jahr darauf an den Folgen zweier missglückter Augenoperationen verstarb.

Wenn man bedenkt, dass die Messe zu Bachs Lebzeiten nie als Ganzes aufgeführt wurde, können an dieser Stelle eine Reihe von berechtigten Fragen aufgegriffen werden. Wie kommt Bach dazu, ein so überdimensionales Werk zu schreiben? War es für ihn, der kurz vor seinem Tode stand, die Vollendung eines Kunstwerks oder hat er es für eine gottesdienstliche Verwendbarkeit geschrieben? Hatte eine solche Messe überhaupt Platz in einem Gottesdienst zu dieser Zeit?

Mit höchster Wahrscheinlichkeit werden diese Fragen nie mit Sicherheit beantwortet werden können und die Messe wird dieses Geheimnis wohl für alle Ewigkeit mit sich tragen.

Nach Bachs Tod kam das Autograph der Messe in den Besitz seines Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach. 1786 führte er das "Credo" der Messe in Hamburg auf. Wahrscheinlich war dies die erste Aufführung eines Teils der Messe nach Bachs Tod. Dies dürfte ein sehr wichtiger Moment in der Geschichte der h-moll-Messe sein, denn dies war das erste Mal, dass ein Teil an die Öffentlichkeit gelangte. Wie folgendes Zitat aus der "Staats- und Gelehrtenzeitung des hamburgisch unparteyischen Correspondenten " vom 11.4.1786 beweist, blieb der grosse Eindruck nicht aus: "..... welches eines der vortrefflichsten Stücke ist, die je gehört worden". Nach dem Tode von Carl Philipp Emanuel im Jahre 1788 wurde das Werk mit dem überraschenden Namen "die Grosse catholische Messe" in das umfangreiche Nachlassverzeichnis aufgenommen. Wie ist es zu dieser Bezeichnung gekommen? Johann Sebastian Bach hat diesem Werk nie einen Namen gegeben. Auch dies wird wohl Gegenstand eines Geheimnisses bleiben. Für Verkaufszwecke erschien das Nachlassverzeichnis 1799 im Druck. Es fand sich jedoch keinen Interessenten dafür. Am 5. März 1805, nach dem Tode von Carl Philipp Emanuel Bachs Witwe sowie seiner einzigen Tochter, wurde der Nachlass nochmals zum Verkauf angeboten. Erst jetzt fand sich in dem bekannten Schweizer Musikschriftsteller, Verleger und Komponisten Hans Georg Nägeli aus Zürich einen Käufer. Nach dem Erwerb des Autograph fasste Nägeli als Erster den Entschluss, das vollständige Werk zu drucken. Jedoch erst im Jahre 1818 konnte Nägeli, nachdem er als Verleger selbständig geworden war, an die Verwirklichung seines Planes gehen. Da sich jedoch diverse Abschriften der Messe im Umlauf befanden, haben sich in Zwischenzeit auch andere mit der Messe beschäftigt. Carl Friedrich Zelter, der Leiter der Berliner Singakademie, hat bis zum Herbst 1812 nach und nach die ganze Messe durchgearbeitet und diese mit seiner Singakademie wohl als erster vollständig gesungen. Da die h-moll-Messe jedoch zu schwierig erschien, wurde sie nicht in der Öffentlichkeit aufgeführt. Danach ruhte die Messe in Berlin während 21 Jahren. Erst Zelters Nachfolger, Carl Friedrich Rungenhagen, wagte sich 1833 erneut an das Werk. Tatsächlich gelangten die "Missa" und das "Credo" 1834 in Form einer Aufführung an die Öffentlichkeit. Die übrigen Stücke liess Rungenhagen im Februar 1835 folgen. So fand die erste öffentliche Gesamtaufführung der h-moll-Messe 85 Jahre nach Johann Sebastian Bachs Tod statt. In den Reihen der Chormitglieder hat es in dieser Zeit an Austritten nicht gefehlt. Von den ursprünglich ca. 320 Mitgliedern führten schlussendlich ca. 160 Mitglieder das Werk auf. Ziemlich genau lässt sich der Schwierigkeitsgrad der Messe hiermit zeigen und es verwundert wohl niemand, dass sie für die nächsten 20 Jahre wieder in die Schublade gelegt wurde. Gehen wir zurück zu Hans Georg Nägeli. Im Jahre 1818 kündigte er öffentlich das Erscheinen des "grössten musikalischen Kunstwerks aller Zeiten und Völker" an. Leider blieb dieses Vorhaben liegen, denn es wurden zuwenig Subskribenten (Besteller) gefunden. 1828 versuchte es Nägeli nochmals mit dem Druck. Aus dem gleichen Grund jedoch wurde die Veröffentlichung weiter hinausgeschoben. Im Jahre 1833 erschien dann tatsächlich die erste Hälfte der Partitur, die "Missa", mit dem Titel "Messe von Joh. Seb. Bach". 1836 verstarb Nägeli ohne seinen Plan ganz vollendet zu haben. Sein Sohn Hermann übernahm dieses Vorhaben, es erfüllte sich jedoch erst 1845. Wie es zu dieser Vollendung kam, ist heute nicht vollständig geklärt. Es steht jedoch fest, dass das Werk nur in Bonn gedruckt wurde. Die Ausgabe trug folgenden Namen: "Die hohe Messe in H-Moll von Joh. Seb. Bach". Zum ersten Mal erschien die heute gebräuchliche Bezeichnung "Hohe Messe". Im Jahre 1850 wurde anlässlich des 100. Todestags von Bach die "Deutsche Bach-Gesellschaft" gegründet. Diese hatte den Zweck, eine Gesamtausgabe von Bachs Werken herauszugeben. Die h-moll-Messe muss damals schon sehr hohe Geltung gehabt haben, denn sie war für den ersten Band vorgesehen. Hermann Nägeli war jedoch nicht bereit, das Autograph leihweise und vergütet zur Verfügung zu stellen. So musste leider der Plan, die Bach-Ausgabe mit der h-moll-Messe zu beginnen, fallengelassen werden. 1856 war Hermann Nägeli jedoch aus wirtschaftlichen Gründen doch gezwungen das Autograph zu verkaufen. Und so wurde die Messe 1857 als Band VIa ausgeliefert. Dieser Band war dann auch die Grundlage aller Aufführungen in den nächsten 100 Jahren. Die Messe hatte nach und nach seinen Einzug in das Repertoire aller grossen Oratorien-Chöre.

Wie ich anfangs bereits erwähnt habe, ist die h-moll-Messe von Johann Sebastian Bach eines der grössten Kunstwerke für mich. Während des Erarbeitens dieser Arbeit habe ich festgestellt, dass mein Gefühl, das ich von Anfang an hatte, das Richtige war. Die Bestätigung liegt darin, dass wohl die meisten der Wissenschaftler, der Forscher und der Kenner derselben Meinung sind. Sehr gerne wäre ich auch musikalisch auf die einzelnen Stücke eingegangen. Leider lässt dies meine Zeit nicht zu. Ich möchte jedoch auf Walter Blankenburgs "Einführung in Bachs h-moll-Messe", DTV/Bärenreiter-Verlag, Kassel 1974, verweisen, das einfach und verständlich auf die einzelnen Teile der Messe musikalisch eingeht.

 

Quellen

- "Einführung in Bachs h-moll-Messe", Walter Blankenburg, DTV/Bärenreiter-Verlag, Kassel 1974

- "Et incarnatus est in Bachs h-moll-Messe und Beethovens Missa solemnis", Theodor Göllner, Verlag der bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1996

 

"Johann Sebastian Bach", Arnold Werner-Jensen, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1993 ·

"Johann Sebastian Bach", Malcolm Boyd, DTV/Bärenreiter-Verlag, Kassel 1992 ·

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